Lebensräume der Schildkröten - Sumpf-/Wasserschildkr?ten

Der weitaus größte Teil aller Schildkrötenarten konzentriert sich auf das Süßwasser als Lebensraum. Zu den süßwasserbewohnenden Schildkröten zählen Alligatorschildkröten (Chelydridae), Schlammschildkröten (Kinosternidae), Weichschildkröten (Trionychidae), Pelomedusenschildkröten (Pelomedusidae) und Schlangenhalsschildkröten (Chelidae), sowie die jeweils nur noch mit einer rezenten Art vertretenen Großkopfschildkröten (Platysternidae), Tabasco-Schildkröten (Dermatemydidae) und die Papua-Weichschildkröten (Carettochelydidae). In nahezu jedem Gewässertyp der gemäßigten und warmen Zonen leben zum Teil hochspezialisierte Schildkrötenarten.
Vereinfacht lassen sich die Süsswasserschildkrötengesellschaften in folgende vier Gruppen einteilen:

Semiterrestrische Arten der Uferregion

Diese Schildkröten, welche teilweise dämmerungs- und nachtaktiv sind, nehmen ihre Nahrung sowohl an Land als auch im Wasser auf. Sie leben mindestens zeitweise von Gewässern entfernt, wie zum Beispiel in feuchten Uferregionen oder Bruchwäldern. Viele der Schildkrötenarten dieser Gruppe sind mäßige bis schlechte Schwimmer, weshalb sie bevorzugt in Flachwasserregionen anzutreffen sind.
Zu dieser Gruppe gehören Vertreter aus folgenden Gattungen:

Amphibische Arten der Uferregion

Diese, vorwiegend tagaktiven Schildkröten sind in der Regel sehr gute Schwimmer und entfernen sich nur zur Eiablage weiter vom Gewässer weg. Viele dieser Schildkrötenarten nehmen Nahrung nur im Wasser auf. Das Land suchen sie hauptsächlich zum „Sonnenbaden“ auf, um so ihre Körpertemperatur zu regulieren. Als Sonnenplätze bevorzugen sie dabei exponiertere Plätze, welche bei Gefahr eine direkte Sturzflucht ins Wasser erlauben.
Neben einigen Arten anderer Gattungen sind Arten dieser Gattungen für diese Gruppe charakteristisch:

Aquatische Arten der Uferregionen

Die Arten dieser Gruppe sind teilweise dämmerungs- und nachtaktiv. Nahrung nehmen diese Schildkröten ausschließlich im Wasser zu sich. Außerdem benötigen diese Arten das tägliche Sonnenbad an Land nicht, wenngleich sie es trotzdem teilweise ausführen, sondern sonnen sich lediglich an der Wasseroberfläche schwimmend. Sie entfernen sich lediglich noch zur Eiablage weiter vom Wasser. Einige Arten bevorzugen Verstecke, wie Höhlen unter dem Wasserspiegel, um sich aufzuhalten.
Für diese Gruppe sind Arten folgender Gattungen charakteristisch:

Aquatische Arten des freien Wassers

Die Schildkrötenarten dieser Gruppe sind sehr gute Schwimmer und Taucher und nutzen Flüsse und Seen in ihrem gesamten Ausmaß aus. Sie kommen, mit Ausnahme der großen Arten, allerdings noch regelmäßig zum Sonnenbad an Land. Außerdem verlassen alle Arten zur Eiablage das Wasser.
Zu den großwüchsigen Schildkröten dieser Gruppe zählen Arten der: Zu den kleineren Vertretern dieser Gruppe der Wasserschildkröten zählen die Arten der: Ein weit verbreiteter und wenig auf einen speziellen Lebensraum spezialisierter Vertreter der Sumpfschildkröten (Emydidae) ist die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis). Die Europäische Sumpfschildkröte lebt, wie fast alle Sumpfschildkröten, stark amphibisch und benötigt sowohl das Wasser, als auch das Land. Dabei ist das Land besonders dafür wichtig, dass sie als wechselwarmes Lebewesen ihre Körpertemperatur regulieren kann. Um ihre Körpertemperatur, besonders in den gemäßigten Breiten, wo die Wassertemperatur geringer ist, aufrecht zu erhalten, müssen sich die Schildkröten „sonnen“. Da die Europäische Sumpfschildkröte nicht an bestimmte Gewässertypen gebunden ist, wird ihr Verbreitungsgebiet hauptsächlich von klimatischen Faktoren festgelegt, wobei der wichtigste Faktor ausreichend warme und lange Sommer zum Erbrüten des Geleges ist. Die Europäische Sumpfschildkröte lebt in den gemäßigten Breiten in sehr kleinen stehenden Gewässern bis hin zu großen Binnenseen, in kleinen und mittleren Fließgewässern, Auen- und Bruchwäldern, aber auch in Gräben nordafrikanischer Oasen.
Eine Reihe von Süßwasserschildkröten hat sich speziell auf das Leben in Kleingewässern, wie Tümpeln und Sumpflöchern oder auch Gräben angepasst. Die Muhlenbergs Wasserschildkröte (Clemmys muhlenbergi) ist eine, mit nur 11 cm Panzerlänge, recht kleine und zugleich eine der seltensten Schildkröten Nordamerikas. Diese Art bewohnt, häufig ohne Konkurrenz anderer Schildkrötenarten, die Moorlandschaften des Berglandes im Nordosten der USA. Clemmys muhlenbergi ist fast optimal an das Leben in ihrem Habitat, welches niedrige Temperaturen bei hoher Luftfeuchte aufweist, angepasst. Diese Spezialisierung in Verbindung mit der niedrigen Vermehrungsrate von nur zwei bis drei Eiern pro Gelege führt jedoch dazu, dass der Bestand einer Population bereits bei leichten Umweltveränderungen gefährdet ist. Durch die zunehmende landwirtschaftliche Nutzung sind im Nordosten der USA bereits etliche Lebensräume dieser Schildkrötenart zerstört worden. Der nächste Verwandte der Muhlenbergs Wasserschildkröte ist die ebenfalls in Nordamerika lebende Tropfenschildkröte (Clemmys guttata). Diese Art ist allerding weitaus großzügiger bei der Wahl ihrer Habitate. So besiedelt diese Art Teiche und Tümpel, Gräben aber auch Bruchwälder. Im Süden ihres Verbreitungsgebietes lebt sie, zusammen mit anderen Schildkrötenarten auch in düsteren Zypressenbruchwäldern. Eine dieser Schildkrötenarten ist die vor allem in offeneren Gewässern lebende Zierschildkröte (Chrysemys picta). Die verwachsenen Gräben und dunkleren Bruchwälder werden bevorzugt von Vertretern der Schlammschildkröten der Gattungen Kinosternon und Sternotherus genutzt. Eine weitere und zugleich die größte Art der Gattung Clemmys ist die Waldbach-Schildkröte (Clemmys insculpta). Diese Schildkröte, welche eine Panzerlänge von 23 cm erreichen kann, lebt, wie es ihr Name vermuten lässt, in Mischwäldern mit Feuchtgebieten. Die Waldbach-Schildkröte teilt sich ihren Lebensraum mit der bereits erwähnten Carolina-Dosenschildkröte. Im Vergleich zu ihr ist die Waldbach-Schildkröte besser an niedrige Temperaturen angepasst. Außerdem besitzt sie eine weit weniger terrestrische Lebensweise als die Carolina- Dosenschildkröte.
Die kleineren Gewässer der Tropen Afrikas werden hauptsächlich von den Gattungen Pelusios und Pelomedusa (Pelomedusenschildkröten) bewohnt. Manche Arten dieser beiden Gattungen wie zum Beispiel Pelusios subniger und Pelomedusa subrufa haben ihren Lebensraum bis weit in den afrikanischen Savannen- und Steppengürtel ausgebreitet. Im tropischen Regenwald begnügen sich die Pelomedusenschildkröten oft mit recht kleinen Wasseransammlungen, die unterschiedlichster Art sein können, wie Tümpel oder Rinnsale. In den trockneren Landschaften stehen den Schildkröten oft nur vorübergehende Wasseransammlungen zur Verfügung, so dass sich die Schildkröten während der Trockenzeit entweder eingraben und ausharren oder zu anderen Gewässern abwandern müssen.
Während einige Arten auf das Leben in Kleingewässern spezialisiert sind, haben sich etliche Schildkröten an das Leben in Teichen, Seen, Flüssen und Kanäle angepasst. In diesen reich gegliederten Gewässern lebt eine Vielzahl von verschiedenen Schildkrötenarten oft gemeinsam, wobei sich diese Arten allerdings meist, durch die unterschiedliche Lebensweise und somit die spezielle Anpassung an bestimmte ökologische Nischen, nicht konkurrieren, sondern vielmehr gleichberechtigt im selben Ökosystem leben und somit den Lebensraum annähernd optimal nutzen.
Ein Gewässertyp an welchen es nur wenigen Schildkröten gelungen ist sich anzupassen sind die tropischen Gebirgsbäche. Die Gebirgsbäche der gemäßigten Zonen fallen auf Grund ihrer niedrigen Wassertemperaturen ohnehin als Lebensraum für Schildkröten aus. In den Gebirgsbächen Hinterindiens, welche Wassertemperaturen von 20 bis 23 °C aufweisen und sich über Felsbrocken stürzend ihren Weg ins Tal bahnen, lebt die Großkopfschildkröte (Platysternon megacephalum). Sie ist der einzige Vertreter der Familie Platysternon. Diese Art besitzt einen extrem flachen, länglichen Panzer mit einer Länge von bis zu 20 cm. Für eine merkwürdige Erscheinung dieser Schildkröte sorgt der überproportional große Kopf mit Hakenschnabel und der sehr lange Schwanz. Außerdem besitzt diese Art sehr kräftige Krallen. All diese besonderen Merkmale helfen der Schildkröte beim Klettern. Die Fähigkeit zu schwimmen ist bei diesen Schildkröten nur sehr mangelhaft ausgeprägt. Wege unter Wasser werden meistens über die Steine laufend zurückgelegt. Am Tag verbergen sich die Großkopfschildkröten zwischen Steinen im Wasser, wobei sie sich oft, ähnlich der Spaltenschildkröte, in Felsspalten verklemmen. Nachts gehen sie dann auf Nahrungssuche nach hartschaligen Mollusken und Krebsen, aber auch Muscheln und sogar Bodenfische, wie Schmerlen, fallen ihr zum Opfer. Ihre Beute hält die Großkopfschildkröte mit ihrem Hakenschnabel fest, zieht sie aus ihrem Versteck und zermalmt sie schließlich zwischen ihren mächtigen Kiefern. Darüber hinaus dient der Hakenschnabel als wirksame Verteidigung bei Angriffen. Eine zweite, ebenfalls in Südostasien lebende Schildkrötenart, welche Gebirgsbäche besiedelt, ist die Plattrückenschildkröte (Notochelys platynota). Sie ist kleiner als die Großkopfschildkröte und gehört zu den , ihr im Aussehen sehr ähnlichen, Sumpfschildkröten (Emydidae). In der Lebensweise dieser vorwiegend tagaktiven Schildkröte gibt es viele Gemeinsamkeiten mit der Lebensweise der Großkopfschildkröte. Die Plattrückenschildkröte ist allerdings ein guter Schwimmer, so dass sie sich auch öfters in größeren, ruhigen Abschnitte der Bäche und Flüsse aufhält. Eine wesentlich größere Anzahl von Wasserschildkrötenarten hat sich auf das Leben in Gewässern mit Schlick und Schlammgrund spezialisiert. So leben zum Beispiel alle Arten der Schlammschildkröten (Kinosternidae), wie ihr Name bereits vermuten lässt, in Gewässern mit reichlich lockerem Boddensubstrat. Eine weitere Gruppe im Schlamm lebender Schildkröten sind die afrikanischen Pelomedusenschildkröten (Pelusios, Pelomadusa), welche allerdings nicht näher mit den Schlammschildkröten verwandt sind. Diese Schildkröten verstecken sich bei Gefahren im tiefen Schlammgrund des Gewässers. Außerdem suchen sie im Bodensubstrat nach Nahrung, wie Mollusken, Würmer und Gliedertiere. Weitere Schildkröten, welche oft im Schlamm ihrer Gewässer verborgen leben, sind die Arten der Weichschildkröten (Trionychidae) und der Schlangenhalsschildkröten (Chelidae). Einzelne Arten und Gattungen dieser Familien weisen trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und keiner näheren Verwandtschaft teilweise sehr ähnliche Merkmale und Anpassungen auf. So besitzen zum Beispiel die Dreiklauen-Weichschildkröten, sowie die Australischen und die Südamerikanischen Schlangenhalsschildkröten (Chelondina und Hydromedusa) sehr lange Hälse. Der lange Hals dient zum Erreichen eines großen Aktionsradius, so kann die Schildkröte, selbst im Schlamm verborgen, Beute machen und in Flachwasserbereichen Luft schöpfen. Außerdem können die Schildkröten mit ihrem langen Hals langsam im Wasser schwimmend, im Schlamm nach Nahrung gründeln. Die Weichschildkröten haben eine nahezu perfekte Nutzung des Schlammes zur Flucht vor Feinden entwickelt. Sie können durch wellenförmige Bewegungen ihres weichen Panzerrandes in den Schlamm „einsinken“ und sich vollständig mit Boddensubstrat bedecken. Außerdem können sie durch undulierende Bewegungen durch den weichen Schlamm „schwimmen“. Durch einen speziellen Atemapparat können sie lange Zeit im Schlamm ausharren. Eine weitere Schildkröte, welche trübe Gewässer bewohnt, ist die in Nordamerika beheimatete Geierschildkröte (Macroclemys temmincki). Diese Art ist eine der größten rezenten Süßwasserschildkröten. Sie erreicht eine Panzerlänge von über 60 cm und ein Gewicht von bis zu 100 kg. Die Geierschildkröte besitzt ähnlich der Großkopfschildkröte einen sehr großen Kopf mit Hakenschnabel. Ihr langer Schwanz ist mit Höckerschuppen besetzt. Ebenfalls Höcker besitzt der flache, schwarzbraune Panzer. Die Kopfpartie und die Vordergliedmaßen sind mit Hautauswüchsen bedeckt. Diese Höcker und Auswüchse dienen der Tarnung dieser Schildkrötenart, welche so unbeweglich zwischen Baumstümpfen, Wasserpflanzen und ähnlichem lauert. Dabei verschmelzen die Konturen ihres Körpers mit denen ihrer Umwelt, was durch den natürlichen Panzerbewuchs (Algen) noch verstärkt wird. Eine ähnliche optische Anpassung an die Umgebung findet sich bei der südamerikanischen Franzenschildkröte (Chelus fimbriatus), welche auch Matamata genannt wird. Sie besitzt ebenfalls einen höckerigen Panzer und Hautfransen zur Umgebungsanpassung. Die beiden Arten unterscheiden sich hauptsächlich durch ihre Art Beute zu fangen. Während die Geierschildkröte ihre Beute „angelt“, saugt die Fransenschildkröte ihre Beute ein. Die Flussschildkröten der großen tropischen Flüsse gelangen, wenn sie in den Mündungsbereich der Flüsse kommen in die Brackwasserzone. Diese Brackwasserzone ist reich an den verschiedensten Wassertieren und bietet so einen abwechslungsreichen Speiseplan. Einige Weichschildkröten leben daher zumindest vorübergehend in dieser Brackwasserzone. So zum Beispiel Trionyx cartilagineus, Trionyx sinensis aber auch Chitra indica und Pelochelys bibroni. Die großen südostasiatischen Flussschildkröten der Familie Emydidae, wie Orlitia borneensis, Batagur baska und Callagur borneoensis, leben häufig in der Brackwasserzone. Außerdem gibt es eine brackwasserbewohnende Schildkröte in Nordamerika, die an der amerikanischen Atlantikküste lebende, schön gezeichnete Diamantschildkröte (Malaclemys terrapin). Von dieser Schildkrötenart gibt es mehrere geographische Unterarten, welche alle Brackwasser bewohnen. So lebt beispielsweise die Unterart Malaclemys terrapin rhizophorarum in den Mangrovensümpfen Floridas. Die Diamantschildkröten sind stark auf das Leben im Brackwasser spezialisiert und ernähren sich von Muscheln, Schnecken, Garnelen, Würmern, kleineren Krebsen und gelegentlich einem Bodenfisch. Sie sind hervorragende Schwimmer, suchen jedoch regelmäßig Land auf, um sich zu sonnen. Durch die starken Eingriffe des Menschen in ihre Umwelt sind die Bestände der Diamantschildkröten stark dezimiert worden. Die ursprünglich dichte Besiedelungskette der Atlantikküste ist durch den starken Artrückgang von zahlreichen Lücken durchsetzt. Heute steht die Diamantschildkröte unter Artenschutz.
Sieben Schildkrötenarten sind auf das Leben in den Ozeanen, also im Salzwasser, spezialisiert. Dabei besiedeln die sechs Arten der Familie Cheloniidae die küstennahen Meeresbereiche. Die einzige Art, welche auf hoher See lebt ist die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), welche gleichzeitig den einzigen lebenden Vertreter der Familie Dermochelydidae darstellt.