Wärmehaushalt von Schildkröten
Schildkröten gehören wie alle Reptilien zu den wechselwarmen Lebewesen. Jede Schildkrötenart besitzt eine bestimmte „Wohlfühltemperatur“, welche von Art zu Art stark unterschiedlich sein kann. Einen weiteren wichtigen Temperaturwert stellt die ebenfalls artspezifische Temperatur dar, bei welcher die verschiedenen Lebensvorgänge ausgelöst werden. Die Spaltschildkröte (Malacochersus tornieri) geht bereits bei 12 bis 15 °C Lufttemperatur auf Nahrungssuche, eine Temperatur bei der andere Landschildkröten nicht mal ihre Schlafplätze verlassen. Ebenfalls temperaturabhängig ist die Ei- und Spermabildung und somit die Fortpflanzung. Um ihre bevorzugte Körpertemperatur zu erreichen, sonnen sich die Schildkröten. Die Annahme das sich zum Beispiel nachtaktive Sumpfschildkröten nicht sonnen ist falsch, tatsächlich sonnen sich (fast?) alle Schildkrötenarten, wenn auch mehr oder weniger intensiv. Selbst Sumpfschildkröten (Kinosternon) suchen zum Sonnenbaden das Land auf.
Süßwasserschildkröten nutzen zum Sonnen ausgewählte Plätzen. An günstigen Sonnenplätzen finden sich häufig die verschiedensten Arten dieses Habitats ein,
um sich „gemeinsam“ zu sonnen. Oft kommt es auch vor, dass die Schildkröten, auch unterschiedlicher Arten, übereinander klettern um für sich den besten Sonnenplatz zu
erreichen. Besonders amphibische Schildkrötenarten sind dabei sehr bemüht einen optimalen Winkel zur Sonne zu erreichen.Beim Sonnenbad sind die Schildkröten zahlreichen Feinden zum Angriff ausgesetzt. Diese Gefahr wird dadurch verstärkt, dass die Schildkröten ihre Augen beim Sonnen meist geschlossen halten, um sie vor der Sonne zu schützen. Wegen der lauernden Gefahren bevorzugen Süßwasserschildkröten Sonnenplätze, welche eine direkte Sturzflucht ins Wasser erlauben. Wenn eine Schildkröte der Sonnenbadenden eine vermeintliche Gefahr entdeckt, stürzt sie sich unverzüglich ins Wasser. Ihr folgen alle anderen, sich an diesem Platz sonnenden Schildkröten und tauchen ebenfalls sofort ab. Dieses Fluchtverhalten setzt sich über Artgrenzen fort. Für die einzelne Schildkröte erhöht sich so, durch das Sonnenbaden in der Gruppe die Sicherheit beträchtlich. In den gemäßigten Breiten wird bei den Schildkröten durch das Sinken der Umgebungstemperatur und das Nachlassen der Tagesdauer die physiologische Einstellung auf den Winter ausgelöst. Die Schildkröten müssen sich nun ein Winterquartier suchen und nehmen auch keine Nahrung mehr auf. Andere Schildkrötenarten, welche in den entsprechenden Gebieten leben, sind an einen strengen Wechsel von Regen- und Trockenzeiten gewöhnt. Dieser Jahresverlauf ist für die Schildkröten, besonders für das Auslösen der Fortpflanzung von großer Bedeutung. Flexibler sind dagegen die Arten des tropischen Regenwaldes, welche fast keinen jahreszeitlichen Veränderungen ausgesetzt sind.
Als einzige rezente Meeresschildkröte schafft es die Lederschildkröte, auch in nördliche Meeresregionen vorzudringen. Durch ihre Größe und ihren angepassten Stoffwechsel ist sie in der Lage, einige Zeit auch unter ungünstigen Temperaturen zu leben. Bei diesem Langstreckenschwimmer sind die Gliedmaßen mit einem feinen Netz von Blutgefäßen durchzogen. Während des Schwimmens entsteht ausreichend Wärme, um ihre Körpertemperatur hoch zu halten. So wurde bei Lederschildkröten an der nordamerikanischen Küste eine Körpertemperatur festgestellt, welche 18° höher war als die Wassertemperatur. Ruht die Schildkröte senkt sich der Herzschlag sofort ab, um die Zirkulation des Blutes und somit die Wärmeabgabe zu minimieren. Außerdem besitzt die Lederschildkröte unter ihrer Lederhaut eine isolierende Fettschicht. Durch diese Anpassungen gelingt es der Lederschildkröte im Ruhezustand nur 0,001°C pro Minute an Körpertemperatur zu verlieren.
